"Die wichtigen Mannschaften einer Weltmeisterschaft"

Wir leben alle auf dieser Erde,
aber eben auf verschiedenen Spielhälften
(Klaus Augenthaler)

So unterschiedlich die Länder dieser Erde sind, und so verschieden es sich die Menschen in diesen Ländern den äußeren Bedingungen folgend eingerichtet haben, so verschieden ist auch die Idee der Menschen vom Fußball. Der eine liebt den eleganten Fluss des Spieles, hat dabei vielleicht Smetanas Moldau in den ruhigen Passagen im Sinne. Die wichtigsten Teams werden hier vorgestellt, gleichwohl die Völkerfreundschaft anmahnend.

„Mir ist es egal, ob es ein Brasilianer, Pole, Kroate, Norddeutscher oder Süddeutscher ist. Die Leistung entscheidet, nicht irgendeine Blutgruppe.“
(Christoph Daum)



Brasilien

Brasilien ist Karneval, Rausch, Fröhlichkeit und Ekstase,
Brasilien ist die Flucht aus dem Alltag.
(Reiseprospekt, ungewollte Fußballbeschreibung)

Der erste brasilianische Star überhaupt war Artur Friedenreich, Sohn eines deutschen Einwanderers und einer schwarzen Wäscherin. Brasilianer bolzen nicht den Ball über das Feld, sondern zelebrieren das Spiel. Das brasilianische Spiel ist eine Samba, denn in der Samba vermischen sich portugiesische Einzelpaartänze mit kultischen afrikanischen Tänzen aus dem Kongo und Angola. Die Spieler liefern ein theatralisches Schaustück, und jeder einzelne spielt eine Hauptrolle. Sein Kostüm ist das Trikot – gold-gelb, grün, kanarienvogelbunt. Als einziges Land hat Brasilien an allen WM-Turnieren teilgenommen. Keine Mannschaft stand dabei häufiger im Endspiel und schoss mehr Tore. Brasilien ist immer und bei jeder Weltmeisterschaft der Favorit.

„Die Sonne, die in Sao Paulo scheint, hat er in sich drin.“
(Trainer Ralf Rangnick über den Brasilianer Adhemar)



Argentinien

Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.
(Enrique Santos Discépolo, argentinischer Tango-Komponist)

Argentinien ist der fußballerische Gegenentwurf zu Brasilien, Argentinien ist der Tango. Der Tango gibt der Inspiration Raum - aber braucht sie auch. Der Tango Argentiniens war in Madrid die Grundlage für das „weiße Ballett“ von Real. Der argentinische Fußball kann schön sein, aber dabei diszipliniert und oft auch roh. Wie der Tango ist er mitreißend, aber immer auch mit Melancholie, mit dem Hauch des Scheiterns, selbst im Sieg.

„Der Fußball hat dieselbe Funktion in der Gesellschaft wie andere Ausdrucksformen der Kunst: ein guter Film, ein gutes Lied, ein gutes Bild.“
(César Luis Menotti)



England

Wenn man in Wembley eine große Party feiern will,
dann darf man auf keinen Fall die D
eutschen einladen.
(Alan Shearer)

Fußball in England ist eine dramatische Tragödie, und in der Rolle des Widersachers finden wir die deutsche Fußballnationalmannschaft. Im direkten Vergleich liegt England insgesamt vorne. Wenn es aber ernst wird bei der Nationalmannschaft, dann gewinnt immer Deutschland, mit einer großen Ausnahme. Der Engländer hat den Fußball erfunden und als Lohn in all den Jahrzehnten gerade mal einen einzigen Weltmeistertitel bekommen. Die britische Hauptinsel ist derart Mutter des Fußballes, dass es hier gleich drei Nationalmannschaften gibt. Bei der WM 2006 spielt England nur eine Außenseiterrolle.

“Unsere Polizisten lernen extra englisch zur Fußball-WM für die britischen Fans. Obwohl sich das ja kaum lohnt – für drei Spiele.“
(Oliver Weltke)



Frankreich

„Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles
durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft“
(Jean Paul Satre)

Die Weisheit des französischen Philosophen gibt ein wenig das Gefühl der Franzosen wieder, wenn sie an Fußballspiele gegen Deutschland denken. Am Ende nämlich gewinnt Deutschland. Und doch: Die Franzosen dürfen sich „Weltmeister“ nennen. Sie haben der Fußballwelt viele große Spiele gebracht und zuletzt Zinedine Zidane, den großen Zizou.

“Tolouse or not to loose, das ist hier die Frage.“
(Heribert Fassbinder)



Italien

„Italien wird nur von ganz wenigen fußballerischen Rätseln gestellt.“
(Bela Rethy)

So rätselhaft die Einschätzung des Fernsehmannes, so rätselhaft sind auch Spiel und WM-Geschichte Italiens. Italien spielt sowohl bei der Entstehung des Fußballs als auch für den modernen WM-Fußball eine tragende Rolle. Die Italiener haben der Welt das Jahrhundertspiel gebracht, aber auch das Böse im Fußball, den Catenaccio. Gegen kaum ein Team war Deutschland in den entscheidenden Spielen großer Turniere so häufig zweiter Sieger wie gegen Italien. Und doch ist für viele Fußballprofis Italien Ziel Nummer eins.

„Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien“
(Andreas Möller)



Uruguay

Der brutalste Haufen, der je auf einem Fußballfeld gesehen wurde.
(Daily Mirror 1986 über Uruguay)

Uruguay ist die ungewöhnlichste der Fußballgroßmächte. Das beginnt schon damit, dass die „Urus“ heute kaum einer als „Großmacht“ kennt, und es endet damit, dass sie 2006 gar nicht dabei ist, weil sie im entscheidenden Spiel gegen Australien verloren haben, obwohl sie schon bei der letzten Weltmeisterschaft ungewöhnliche Kräfte genutzt hatten.

„Die Urus überlegen. Spielen jetzt mit dem Herzen der Südkoreaner!“
(internet Live-Ticker der WM 2002)



Asien

Tief und unergründlich wie der Ozean.
(Zum Geist im Sinne des Buddhismus)

Tief und unergründlich sind Geschichte und Misserfolge des asiatischen Fußballes. Dabei liegt in Asien die Wurzel des Fußballes. Aber so unergründlich ist der ferne Osten: Der Fußball stammt aus Asien, und verschwand aus der Weltgeschichte. Auch die Teams aus dem Nahen Osten - ein fußballpolitisch wichtiger Teil Asiens - konnten daran wenig ändern. Erst in den 90er Jahren entstanden in vielen Ländern Asiens lukrative und attraktive Fußballligen, und mit diesen kam der Erfolg einzelner Nationalmannschaften. Die Zukunft des Fußballs könnte durchaus eine Heimat in Asien haben. Große Begeisterung und genügend Nachwuchsspieler gibt es im Fernen Osten allemal.

“Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese,
aber hier spielt gar kein Chinese mit.
(Werner Hansch, Kommentiert ein Bundesligaspiel)



Afrika

„Wie der Afrikaner lebt, so spielt er auch Fußball.“
(Berti Vogts)

Afrikanische Mannschaften gelten als die ewigen Talente. Sie spielen tollen Fußball und scheitern ebenso toll. Lange Zeit erfüllten afrikanische Mannschaften europäische Klischees. Sambia hatte bei der Qualifikation zur WM 1974 Protest eingelegt: Der zairische Torwart Mwamba Kazadi soll bei einem Sieg das Tor verzaubert haben. Heute zählen afrikanische Mannschaften zu den Geheimfavoriten.

Bei der WM 2010 steht ein afrikanisches Team im WM-Finale.
(Felix Abayateye, Journalist aus Ghana)



Holland

"Wir sind Niederländer, weil wir keine Deutschen sind.
(Johan Rudolf Thorbecke, niederländischer Staatsmann)

Holland hat gerne die bessere Mannschaft, Deutschland dagegen die erfolgreiche. Der Niederländer zelebriert ein elegantes Spiel, und verliert. Deutschland rumpelt durch ein Turnier und wird am Ende Weltmeister. Das war schon dreimal so, und Holland leidet darunter bis heute. Siege gegen Deutschland können daher in den Niederlanden eine regelrechte Volkshysterie auslösen. Auf dem Platz herrscht dagegen immer bis zum Schluss Angst.

Deutschland ist erst geschlagen,
wenn der Mannschafts-Bus aus dem Stadion rollt.
(Holländische Fußballweisheit)



Deutschland

"Fußball ist ein Spiel, in dem 22 Profis einem Ball nachjagen
und am Sc
hluss die Deutschen gewinnen"
(Gary Lineker)

Wo der Brasilianer die Samba auf den Platz zaubert, da bläst die deutsche Mannschaft den Marsch: Ein Spiel voller Kraft und Disziplin, ein bisschen Hurra-Patriotismus, Macht und Wucht, viel Wille aber kaum filigraner Glanz. Die deutsche Mannschaft will nicht spektakuläre Schaustücke mit dem Ball veranstalten, sie will ihn einfach nur haben. Sie will die Kontrolle, nicht das Kunststück. Für Fußballnationen wie Holland oder England sind Spiele gegen Deutschland meist traumatische Erlebnisse. Am Ende gewinnen eben tatsächlich die Deutschen, denn Deutschland ist eine Turniermannschaft.

Die Spieler sind sehr groß. Und immer grätschen, grätschen, grätschen.
Alle grätschen hier immer.
(Adhemar, Brasilianer, über seine Erfahrungen in Deutschland)

ISBN 978-3-7900-0377-2 - Preis: € 6,90 - Verlag: Parzeller, Fulda